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EHC - ETC Crimmitschau 4:1

Der Abend stand ganz klar im Zeichen des Abschieds eines Wolfsburger Eishockeydenkmals. Karl-Heinz Lorenz, seit 10 Jahren mit dem EHC in verantwortlicher Position verbunden, wurde vom Skoda-Vorstandsvorsitzenden Detlef Wittig in den Ruhestand verabschiedet. Wenn dieser Rückzug aus dem aktiven Geschäftsleben auch (noch) nicht im Sinne des Betroffenen war, so merkte man dem langjährigen Geschäftsführer der Grizzlies deutlich an, dass die erste Betroffenheit über diesen Vorgang schon ein wenig einer Mischung aus Erleichterung und Wehmut gewichen war. Nicht zuletzt die anerkennenden Worte des ehemaligen Vorgesetzten, aber vor allem die deutlichen Signale der Fans im Internet und an diesem Abend auch auf der Tribüne hatten ihren Teil dazu beigetragen, dass "Mr.EHC" die Ehrenmitgliedschaft im Aufsichtsrat der Grizzlies und den vorzeitigen Ruhestand bei VW offenbar schon wieder zumindest mit einem lachenden Auge betrachten konnte.
Die folgende Eishockeypartie, bei der zum ersten Mal der neue Sportdirektor "Charly" Fliegauf zusammen mit Coach Krinner hinter der Bande stand, gestaltete sich dann weitaus weniger emotional und riss die Zuschauer lediglich im Mittelabschnitt von den Sitzen.

1.Drittel
Schwungvoll startete der EHC in die erste Partie nach der Länderspielpause und setzte die Gäste umgehend unter Druck. Nachdem der erste Ansturm und zwei fruchtlose überzahlspiele vorüber waren, zeichnete sich allerdings das bereits bekannte Bild einer Begegnung mit den Eispiraten ab: Die Grizzlies stürmen, haben ein nahezu erdrückendes Chancenübergewicht...und kommen nicht an DesRochers vorbei.
Als die Gäste dann auch in den Genuss von überzahlsituationen kamen, verflachte die Partie zusehends. Crimmitschau brachte kaum etwas zustande und die Gastgeber konnten dank ihres überragenden Stellungsspiels zumindest hin und wieder die Zuschauer mit einem gefährlichen Konter wecken. Wirklich Zwingendes gab es in der zweiten Hälfte des Auftaktdrittels jedoch nur einmal zu begutachten, als Eispiraten-Neuzugang Mikulik einen schönen Alleingang gegen Rogles nicht erfolgreich abschließen konnte. Ein Gegentreffer zu diesem Zeitpunkt (16.Min) und in Unterzahl der Gäste wäre vermutlich pures Gift für den weiteren Spielverlauf gewesen. So blieb es bis zur ersten Pause beim 0:0 und lediglich die geniale Vorstellung beider Torhüter konnte einigermaßen begeistern.

2.Drittel
Dieser Spielabschnitt hat sich mittlerweile vom Alptraumdrittel zum stärksten Drittel der Grizzlies gemausert.
Die Gastgeber traten jetzt endlich mit der nötigen Verbissenheit vorm gegnerischen Tor auf, setzten vermehrt auf Abfälscher im Slot und hatten mit dieser Strategie zur Freude ihrer Anhänger den gewünschten Erfolg!
Ganze 67 Sekunden waren gespielt, da klingelte es endlich hinter DesRochers, der auf einen von Kaufmann abgefälschten Genze-Schuss nicht mehr reagieren konnte. Die Erleichterung bei Wolfsburgs verhindertem Torjäger und auf den Rängen war merklich groß...
Und Wolfsburg drückte weiter auf die Tube, brachte die Crimmitschauer Hintermannschaft von einer Verlegenheit in die nächste, was zwei Strafzeiten gegen die leicht überforderten Eispiraten nach sich zog.
Die folgende Powerplay-Gelegenheit konnte in der 27.Minute dann in doppelter überzahl vom stark spielenden Pudlick zum 2:0 genutzt werden. Einen Querpass von Simon nagelte der EHC-Verteidiger humorlos ins untere rechte Eck und ließ dem Gästekeeper nicht den Hauch einer Chance.
Mit der eingangs beschriebenen Strategie gelang den Gastgeber nur anderthalb Minuten später sogar der dritte Treffer - diesmal hatte Henrich einen Schuss von Wilhelm zum 3:0 ins Crimmitschauer Tor gelenkt, so dass die Partie scheinbar entschieden war.
Als die Fans dann wenige Sekunden später sogar das vermeintliche 4:0 durch Wikström bejubelten, deutete alles auf das vorzeitige K.o. der Gäste hin - doch der Treffer fand wegen angeblichen hohen Stocks keine Anerkennung (28.Min). Da es schien, als ob der Schläger erst nach dem Abfälschen des Pucks eine regelwidrige Höhe erreichte, blieb diese Entscheidung äußerst umstritten.
So wurde es fast noch einmal spannend, als Tom Herman in der 35.Minute eine schöne Kombination seiner Reihe zum 3:1 abschloss. Vorangegangen war ein zu zögerliches Klären im eigenen Drittel durch Stefan Wilhelm, das in einem völlig überflüssigen Puckverlust der Grizzlies endete.
Doch rund zwei Minuten vor der Pausensirene des Drittels stellte Eric Dylla mit dem 4:1 den alten Abstand wieder her, als er einen herrlich genauen Pass von Thomas Gödtel im Gehäuse der Piraten unterbringen konnte. Ebenfalls sehenswert war die vorangegangene Puckeroberung durch Wietfeldt und Gödtel, der den freigestocherten Puck gedankenschnell aufnahm und zum Konter davonfuhr.

3.Drittel
Was nun folgte war eher ein munteres Trainingsspielchen. Wolfsburg vernachlässigte die Verteidigung phasenweise schon fast unverschämt - wurde aber selbst bei 3 auf 1 Situationen von den harmlosen Gästen nicht bestraft und hätte im Gegenzug sicherlich noch den ein oder anderen Treffer verbuchen müssen. Die Ernsthaftigkeit des Mitteldrittels war verflogen und das Spiel zockte sich nun seinem Ende entgegen. Die Gedanken der Grizzlies schweiften wohl, nicht nur auf dem Eis, schon Richtung Kassel und dem anstehenden Spitzenspiel gegen den unumstrittenen Tabellenführer.

Mein subjektiver Eindruck:
Wie in allen bisherigen Aufeinandertreffen mit den Eispiraten gestaltete sich die Begegnung streckenweise enorm zäh. Der Gedanke ans Nachholspiel lässt mich zumindest nicht in Euphorie ausbrechen...
Meine Vorfreude auf das Spiel in Kassel konnte diese durchwachsene Vorstellung jedoch nicht im Geringsten trüben - viel zu oft hat man vermeintlich leichte Begegnungen vor einem Gipfeltreffen schon vergeigt...da sind die drei Punkte gegen Crimmitschau schon eine Menge wert!
Dass gegen die Huskies eine derartige Leistung nicht reichen wird, ist wohl allen Beteiligten klar. Da vieles aber durchaus entspannt wirkte, kann man am Sonntag wohl mit deutlich mehr Action von unseren Grizzlies rechnen.

Tor:
Rogles fehlerlos, mit einigen sehr schönen Saves und einer lustigen Puckjonglage im ersten Drittel. Schade, dass er einen individuellen Fehler der Verteidigung mit dem shut-out bezahlen musste.

Verteidigung:
Das Duo Schutte und Pudlick überzeugt weiterhin mit souveränen Vorstellungen.
Genze und vor allem Beslagic wirkten deutlich erholt und strahlten wieder die gewohnte Sicherheit aus.
Gödtel mit einer sehr guten Partie - gutes Stellungsspiel, immer aufmerksam für einen Konter und mit schönem Pass zum vierten Treffer. Der Aufwärtstrend setzt sich bei ihm ungebrochen fort!
Schneider gewohnt zurückhaltend, bekam relativ viel Eiszeit, dürfte aber mit seiner schüchternen Art in den Play-offs keinerlei Rolle spielen.
Wilhelm bleibt das Sorgenkind der Abwehr. Offensiv mit guten Akzenten, stellt er im eigenen Drittel auch nach der kurzen Pause eine echte Gefahr fürs eigene Team dar. Nach dem Bock zum 3:3 gegen Landshut, leitete er mit einer zögerlichen Aktion erneut einen Gegentreffer ein. Ich frage mich, ob man ihn gegen Spitzenteams wie Kassel mittlerweile noch bedenkenlos einsetzen kann - so hart das jetzt klingt, aber spätestens in den Play-offs können seine Aussetzer richtig teuer werden...

Sturm:
Die erste Reihe ohne den oft gesehenen Spielwitz, lediglich Callander überzeugte mit schönen Einzelaktionen - aber das war und ist nicht die eigentliche Stärke dieser Reihe. Regan und Wikström (langsam!) blieben zu blass.
Die zweite Reihe kommt langsam in Schwung. Kaufmann, Simon und Suchan bleiben aber einiges an Durchschlagskraft schuldig.
Mit Wietfeldt und Dylla hatte die dritte Reihe das gewohnt gut harmonierende Duo, an dessen Seite der wohl best bezahlte Arbeiter ohne Spielanbindung der gesamten Liga seine Kreise zieht. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Henrich zeigt eine absolut vorbildliche Arbeitsmoral - aber bei einer Rückkehr von Fibiger sollte ihm der Platz auf der Tribüne eigentlich nicht zu nehmen sein. Spielerisch ist er leider total abkömmlich - was für einen Kontingentspieler im Sturm normalerweise das Aus bedeutet.
Guggemos, Seyller und Reiss mit viel Herz und tollem Einsatz gerade in Unterzahl - weiter so!

Fans:
Wir haben Karl noch einmal deutlich gezeigt, dass wir seine herzliche und leidenschaftliche Art sehr zu schätzen wissen. Es bleibt eigentlich nur die Hoffnung, dass die einst so enge Verbindung zwischen Verantwortlichen und Fans sich nicht komplett in Luft auflöst. Herr Fliegauf ist hier ausdrücklich gefordert und wird, wie man bisher erkennen konnte, von den Fans sicherlich eine faire Chance bekommen.
Ansonsten war es gerade zu Beginn des Spiels erstaunlich munter auf den Rängen. Das letzte Drittel hat dann aber die zwischenzeitlich aufkeimende Partylaune deutlich gedämpft...schaun wir mal, ob wir in Kassel etwas zu feiern haben werden. mb