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EHC - Düsseldorf Metro Stars 4:2

Das Spiel

Das Leben eines Wolfsburger Eishockeyfans wird nie langweilig...
Das erste Spiel der Viertelfinalserie gegen die DEG fügte der immer länger werdenden Kette aus erfreulichen, unerfreulichen und einfach nur absurden Anlässen nun einen weiteren hinzu.
Zu Beginn hatte eigentlich alles auf ein rauschendes Eishockeyfest (aus Wolfsburger Perspektive) hingedeutet: Die Grizzlies starteten einen mitreißenden Sturmlauf auf das von Aubin gehütete Gehäuse der Gäste und gingen schon im Auftaktdrittel mit 3:0 in Führung.
Nachdem der EHC in den Anfangsminuten einige hochkarätige Chancen ausgelassen hatte und auch die DEG ihre ersten Möglichkeiten zu verzeichnen hatte, kam der Galaauftritt des Norm Milley!
Hinter dem Tor der Düsseldorfer schnappte sich der Wolfsburger Ausnahmestürmer den Puck, umkurvte auf seinem Weg in den hohen Slot so ziemlich jeden auf dem Eis befindlichen Gegner, um dann zum 1:0 in den Winkel zu vollenden (6.Min). Die ohnehin gut gelaunte Halle stand endgültig Kopf - das 2:0 von Furchner folgte ganze 24 Sekunden später aus gleicher Position. In diesem Fall war Jean-Sebastien Aubin allerdings die Sicht verdeckt gewesen, so dass den Gästekeeper am zweiten Treffer keine Mitschuld traf.
Das Düsseldorfer Team wirkte nun vollends perplex, bekam die einfachsten Spielzüge nicht mehr koordiniert und konnte sich nur selten, vorzugsweise während ihrer einzigen überzahlsituation im ersten Drittel, vom Wolfsburger Angriffsdruck befreien. Selbst altgediente Routiniers wie (Ex-)Nationalspieler Jason Holland wirkten im eigenen Drittel bei Puckbesitz völlig überfordert und versuchten nur noch das Spielgerät irgendwie loszuwerden.
Das 3:0 durch einen Alavaara-Hammer von der blauen Linie (16.Min), wenige Sekunden nach Ablauf der ersten Wolfsburger überzahl, schien schon fast so etwas wie eine Vorentscheidung zu bringen. Zu überlegen wirkten die Gastgeber, die wie ein Wirbelwind über die Metro Stars hinweg gefegt waren – doch dann folgte die erste Pause...
Mit einem spikebewehrten Race-Touareg „bewaffnet“ startete Rallye Dakar- Fahrer Timo Gottschalk seine spektakuläre Pauseneinlage auf dem Wolfsburger Eis. 360-Grad Drehungen, U-Turns, Vollbremsungen mit anschließendem Vollgasstart - der Pilot in Diensten von VW-Motorsport ließ keinen Showeffekt bei seiner Darbietung aus. Waren Publikum und übertragender Fernsehsender (sky) zunächst noch begeistert über diese beeindruckende Performance, so wich die erste Begeisterung relativ schnell dem blanken Entsetzen! Das Eis sah nach dieser Behandlung im Anschluss aus wie eine wüste Kraterlandschaft und der eigentliche Krimi auf dem (verbliebenen) Eis begann.
90 Minuten blieben den Verantwortlichen nach den Regularien der DEL, um das Eis im Anschluss an die Drittelpause wieder spielfähig zu machen. Sollte die Spielfläche dann nicht die Zustimmung der Schiedsrichter finden, würde das Spiel für den Gast aus Düsseldorf gewertet – beim bis dahin zu beobachtenden Spielverlauf eine haarsträubende Vorstellung. Während sich das Rennteam schleunigst aus dem Staub machte und das Gelände mitsamt Auto fluchtartig verließ, bemühten sich Eismeisterteam und Angestellte des EHC verzweifelt um den Patienten, der einst die Spielfläche gewesen war.
Die anfängliche Euphorie war bei den anwesenden Fans längst in Wut über die mehr als überflüssige Gefährdung der achtmonatigen Arbeit ihres Teams gewichen. Erste Zuschauer mussten der Tatsache ins Auge sehen, dass sie aufgrund der Verzögerung das Ende der Partie arbeitsbedingt wohl nicht mehr erleben würden. Es wurde immer spannender und erste Resignation machte sich auf den Rängen breit.
Doch nach fieberhaften Ausbesserungsarbeiten und dem abschließenden mehrmaligen Einsatz der Eismaschine befanden die Schiedsrichter, unter dem Jubel der Heimfans und unter Kopfschütteln des Düsseldorfer Managers, die Eisfläche für bespielbar. Das Spiel konnte endlich weiter gehen!
Die Stimmung hatte allerdings spürbar gelitten. Die Ungewissheit und Verärgerung während der langen Pause hatte nicht nur die Zuschauer, sondern auch das Team der Grizzlies aus dem Tritt gebracht. Das erdrückende Momentum des ersten Drittels hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst und die Gäste traten in der Folgezeit deutlich fokussierter auf. Selbst Lalibertes schneller 4:0 Treffer zum Auftakt des Mitteldrittels (21.Min) hatte die Veränderung im Spiel nicht verhindern können. Das 4:1 durch Daniel Kreutzer, nur rund eine Minute später, läutete endgültig eine andere Entwicklung des Spielgeschehens ein: Die Grizzlies setzten zunächst noch einige offensive Akzente, dann spielte sich die Partie fast ausschließlich vor Jochen Reimer ab. Das es am Ende dieses Spielabschnitts immer noch 4:1 stand, verdankten die Gastgeber zum größten Teil ihrer Neuerwebung vom Gegner dieser Begegnung. Wenn das Offensivspiel der Grizzlies auch keine Begeisterungsstürme mehr hervorrief, so war es nun der Wolfsburger Goalie, der die gegnerischen Stürmer mit seinen Reflexen an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachte und die heimischen Fans in Verzückung geraten ließ.
Ganzen 23 Schüssen im 2.Drittel ließen die Metro Stars im Schlussabschnitt weitere 18 folgen. In beiden Dritteln musste Reimer lediglich einmal hinter sich greifen, was angesichts der glasklaren Chancen der Gäste an ein Wunder grenzte. Doch mit schnellen Reflexen, gutem Stellungsspiel und etwas Glück musste Jochen Reimer sich lediglich in der 45.Minute einem Handgelenksschuss von Rob Collins geschlagen geben.
Besonders heikel gestaltete sich für den EHC im Verlaufe des Mittelabschnitts eine 3-4 Unterzahl, die es ab der 16.Minute zu überstehen galt. Doch wenn auch bei den Grizzlies nicht mehr viel zusammenging – die Unterzahl funktioniert ungewohnt gut! Düsseldorf hingegen setzte ab Spielwiederaufnahme auf verstärkten Körper- und Stockeinsatz, provozierte Auseinandersetzung, da man sich offenbar vom Spiel 4 gegen 4 Vorteile erhoffte, und natürlich auch in die Serie „einsteigen“ wollte. Play-off Hockey, wie man es kennt und liebt…
Am Ende blieb ein Sieg der Grizzlies, der in seinem Zustandekommen leider nicht das psychologische Momentum auszulösen im Stande sein dürfte, wie es bei normalem Spielverlauf zu erwarten gewesen wäre. Statt eines Sturmlaufs der Hausherren, gab es nach der Spielunterbrechung eine Abwehrschlacht eben jener zu begutachten, bei der das Publikum die letzten Spielminuten alles daran setzten musste die Jungs auf dem Eis bis zum äußersten zu pushen. Erleichtert und äußerst gespannt auf das Kommende ging es für die Zuschauer schließlich nach Hause.
Als kleine Information für alle Play-off Unerfahrenen: Shakehands mit dem Gegner und Feiern mit den Fans gibt es in den Play-offs nur am Ende einer Serie!

Das Team

Im Tor bot Jochen Reimer seine absolute Saisonbestleistung – und das auf hohem Niveau!
Was der junge Mann allein im zweiten Drittel rausgefischt hat, war schon aller Ehren wert, wobei mich besonders sein Timing beim Verhindern von Direktabnahmen begeisterte.
Die Verteidigung überzeugte durch eine geschlossen solide Leistung, wurde ab dem Mitteldrittel natürlich wesentlich heftiger gefordert. Sascha Genze fand, meinen Beobachtungen nach, allerdings kaum oder gar keine Berücksichtigung. Gegen die schnellen Metro Stars sicherlich eine nachvollziehbare Entscheidung.
Im Sturm zauberte Norm Milley eine Vorstellung aufs Eis, das es eine wahre Pracht war. Man wird das Gefühl nicht los, das der Stürmer in seiner zweiten Saison in Diensten der Grizzlies kontinuierlich an Spielfreude und Selbstvertrauen zulegen kann.
Erstaunlich: Neben Magowan glänzte vor allem Peter Sarno mit bedingungslosem Einsatz und hemmungslosem Forechecking! Der in der vierten Reihe aushelfende Top-Center der Grizzlies straft momentan alle Kritiker Lügen, die ihm in den letzten Spielzeiten mangelnden Teamgeist und Schonhaltung in entscheidenden Phasen der Saison andichten wollten.

Das Fazit

Das Image der Grizzlies hat durch die vergeigte Showeinlage ein paar heftige Schrammen abbekommen. Ob es sich sportlich auf die Serie auswirken wird, muss abgewartet werden.
Grundsätzlich sind zwei Szenarien denkbar:
1. Die Grizzlies verlieren durch den ausgelassenen Kantersieg nicht die Bodenhaftung und lassen einem hohen Sieg nicht die so oft zu beobachtende leichte Niederlage folgen. Die Serie bleibt spannend, da die DEG das Gefühl für die Play-offs entwickelt hat.
2. Das verlorene Momentum aus dem Anfangsdrittel nagt an der Psyche der Grizzlies und die DEG zieht aus den Erfahrungen des Mittel- und Schlussdrittels so viel positive Energie, dass die Serie komplett in Richtung Düsseldorf kippt.

Hier sind nun die Trainer gefordert. Die mit der absurden Spielunterbrechung erlebte emotionale Achterbahnfahrt (Bombenauftakt und Rauscherlebnis gefolgt von quälenden Fragen, ob alles umsonst war) muss als lustige Anekdote verarbeitet und das Spiel am Donnerstag möglichst offensiv angegangen werden. Was passiert, wenn man der DEG die Spielgestaltung ohne aggressives Forechecking überlässt, hat man fast vierzig Spielminuten ausgiebig studieren können...
Ich freu mich auf jeden Fall auf die weiteren Spiele und hoffe, dass am Samstag endlich ein richtiges, weil störungsfreies, Eishockeyfest gefeiert werden kann. Dann vielleicht auch mit ein paar Gästefans mehr und auf jeden Fall mit einer motorisierten Showeinlage weniger. Die Demonstration der Bundeswehr, die ihren neuen Schützenpanzer „Puma“ dem geneigten Publikum vorführen wollte, wurde Gerüchten zufolge jedenfalls bis auf Weiteres auf Eis gelegt...
Gott sei Dank. mb