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EHC - Adler Mannheim 5:6 n.V.

Zwanzig Minuten sind kein Eishockeyspiel
 
Diese semantische Katastrophe als Überschrift umschreibt den Verlauf des Spiels gegen den Tabellenführer leider äußerst treffend.
Vor mit 3100 Zuschauern vergleichsweise gut gefüllten Rängen legten die Grizzlies einen wahren Raketenstart hin, überrollten den Gast aus der Kurpfalz dabei nach allen Regeln der Kunst. Als erstes zeigte sich Gästeverteidiger Denis Reul vom Wolfsburger Angriffswirbel beeindruckt und verlor prompt im Aufbauspiel den Puck an den geschickt attackierenden Norm Milley. Dessen schnellen Querpass versenkte mit Matt Diesel ein Rekonvaleszent zum 1:0 nach gerade einmal 67 gespielten Sekunden.
Mannheim strauchelte weiter, kassierte die erste Strafe... und fing sich drei Minuten später gleich den nächsten Gegentreffer! Lindlbauers Blueliner, unhaltbar abgefälscht durch Milley, besorgte das vielumjubelte 2:0 für die Grizzlies.
Der Gast aus Mannheim versuchte nun endlich sichtbar zu reagieren und erspielte sich fortan erste gute Möglichkeiten. Das Tor machten jedoch wieder die Hausherren, die, wie zuletzt oft zu beobachten, ihre Verteidiger stark in die Spielzüge einzubinden wussten. So war es der in diesem Zusammenhang vor allem im Powerplay auffallende Robbie Bina, der einen schnellen Pass in den Slot zum 3:0 vollstrecken konnte (16.). Im Stile eines Torjägers war der Verteidiger der Grizzlies Richtung Gehäuse nachgerückt und hatte per one-timer abgedrückt. Die Halle stand endgültig Kopf.
Weniger erfreulich ging es dann in der 19.Spielminute für den EHC weiter. Während einer angezeigten Strafe gegen die Grizzlies rammte Mannheims Plachta Wolfsburgs Toptorjäger regelwidrig in die Bande und verletzte Brent Aubin dabei so gravierend, dass dieser die Partie nicht zu Ende spielen konnte.
Da Plachta auf dem Weg unter die Dusche den Offiziellen offenbar seinen vermeintlichen Freifahrtschein in Sachen Bandencheck etwas zu intensiv erklärte, bekam Mannheims Stürmer prompt zwei Strafminuten als kleinen Nachschlag mit in die Kabine. Für sein Team hieß das volle fünf Minuten Unterzahl anstatt der ursprünglichen drei – Rosas Strafe wegen Hakens war logischerweise egalisiert, die Grizzlies griffen weiter an.
Nur mit viel Glück und zwei Klasseparaden von Dennis Endras konnten die Adler weiteren Schaden bis zur ersten Pausensirene von sich abwenden. 
Zum Auftakt des Mitteldrittels zeigten die Hausherren dann leider eine Unart, die man sich gegen ein Spitzenteam wie die Adler einfach nicht leisten darf: Lauffaulheit und „abwartendes Spiel“ bei eigener Überzahl. Völlig ohne Einstellung spulte der EHC die verbliebenen dreieinhalb Minuten Überzahlspiel herunter, verlor dabei öfter den Puck als dabei überhaupt einmal gefährlich ins Drittel der Gäste zu kommen – von Abschlüssen ganz zu schweigen. Erst in den letzten Sekunden des Powerplays kam wieder so etwas wie Schwung in die Aktionen der Gastgeber, die Dank eines erneut eher dummen Fouls der Adler gleich im Anschluss noch eine zweiminütige Zugabe in Sachen Überzahl bekamen. Erneut Robbie Bina war es, der einen Schuss unhaltbar an Endras vorbei abfälschte (26.) und seine Farben mit dem 4:0 vermeintlich endgültig auf die Siegerstraße brachte.
Doch während ein Teil der Wolfsburger Fans schon zu ersten Spottgesängen gegen den Tabellenführer ansetzte, wurde einem anderen Teil des Publikums angesichts der immer schlapper agierenden Grizzlies wohl schwummrig in der Magengegend.
Viel zu relaxt agierte das Team von Pavel Gross in den folgenden Minuten, kassierte in einer weiteren Überzahlgelegenheit dann auch den – eigentlich längst überfälligen – Shorthander durch Christoph Ullmann (28.) und brach dann endgültig ein.
Nie war es so einfach, rund 35 Minuten einer Partie so knapp und doch präzise zu beschreiben. Mannheim spielte praktisch ab der 24.Spielminute im totalen Angriffsmodus, nutzte die lasche Gangart der Gastgeber vorbildlich aus, um ins Spiel zurück zu kommen und ließ den Grizzlies von da an keine Chance mehr wieder Zugriff auf die Partie zu bekommen. Folge dieser Intensivierungen auf Mannheimer Seite war zunächst der Doppelschlag durch erneut Ullmann (37.) und Joudrey (38.) zum 4:3 Anschluss. Wolfsburg blieb zwar durch einzelne Aktionen gefährlich, hatte aber im Gesamtgeschehen nur noch eine Nebenrolle.
Im Schlussabschnitt spielte dann nur noch der Spitzenreiter aus der Kurpfalz. Ganze zwei (harmlose) Torschüsse brachten die Grizzlies bis kurz vor Schluss zustande, während die Adler zunächst einen von Armin Wurm verschuldeten Penalty (44.) nicht nutzen konnten. In der 49. Minute gelang es schließlich Arendt den Puck im Gehäuse der Grizzlies unterzubringen, gegen Ende der Partie (57.) schoss Mannheims Frank Mauer per Alleingang sogar die 4:5 Führung für die Gäste heraus. 
Das Spiel schien endgültig gedreht... doch ein Ass hatten die bis dahin immer schwächer agierenden Hausherren noch im Ärmel! Während einer kurzen Phase der Verwaltung auf Seiten der nun führenden Gäste (59.) gelang es EHC-Neuzugang Björn Krupp tatsächlich durch einen präzisen Blueliner einen Punkt an der Aller zu halten!
Unter allgemeinem Jubel ging es also in die Overtime – die auch gleich wieder vorbei war. Ex-NHL Routinier Glen Metropolit schlug nach 73 Sekunden erneut Kapital aus der Wolfsburger Abwehrschwäche im eigenen Slot und konnte unter unglücklicher Mithilfe von Wolfsburgs Armin Wurm den Puck zum entscheidenden 5:6 über die Linie quetschen. Am Ende eine mehr als glückliche Punkteteilung – aus Sicht der Grizzlies.
 
Teamcheck
 
Tor
Die Leistung von Sebastian Vogl ist, zugegeben, schwer zu beurteilen. Zwar zeigte der Wolfsburger Goalie besonders im dritten Spielabschnitt einige überragende Reaktionen mit den Schonern und hielt auch den gegen Wolfsburg verhängten Penalty... aber diese Abpraller zur Mitte! Angesichts der Wolfsburger „Abwehrarbeit“ vor dem eigenen Tor ist sein Ausraster zur Mitte eben jenes Schlussabschnitts hingegen absolut nachvollziehbar. Nahezu ungehindert von Wolfsburgs Defensivabteilung (und leider auch den beiden Referees) konnten die Mannheimer Stürmer wilde Sau im Slot der Grizzlies spielen und fuhren dabei ein ums andere Mal Wege, die nicht nur zum Tor, sondern schlicht und ergreifend durch das Tor und den Torhüter hindurch führten. 
Dass ihm im Nachgang der Handgreiflichkeiten gegen einen dieser Übeltäter vielleicht etwas die Ruhe fehlte, ist verständlich - leider aber wenig hilfreich und muss langfristig unter Kontrolle gebracht werden!
 
Verteidigung
Sobald ein Klasseteam gegen uns das Spiel unter Kontrolle bringt, offenbaren sich wieder die individuellen Unzulänglichkeiten im Team der Grizzlies. Lediglich Likens, Bina und mit Abstrichen Lindlbauer und Krupp konnten an diesem Abend den Gästen zumindest phasenweise Paroli bieten. Hambly hätte sein Comeback wohl besser gegen ein schwächeres Team gegeben, zeigte ungewohnte Schwächen im Zweikampfverhalten. Die Entwicklungskurve von Armin Wurm zeigt leider weiter steil nach unten. Im Dauerfeuer der Adler eskalierte im letzten Drittel die behäbige und teilweise desorientiert wirkende Vorstellung des Wolfsburger Verteidigers dann komplett. Am Ende standen neben vielen missglückten Klärungs- und Aufbauversuchen ein verschuldeter Penalty, der Treffer zum Ausgleich (wird von Mauer locker umspielt und stehengelassen), und die unglückliche Beihilfe zum 5:6 als er Metropolit nicht attackiert und von diesem als Bande benutzt wird.
Insgesamt muss sich aber die gesamte „Abteilung Defensive“ ankreiden lassen, dass sie ihren Goalie mit einer streckenweise geradezu eierlosen Vorstellung im Stich gelassen haben. Wenn ein Torhüter anfängt, Stürmer, die durch ihn hindurchfahren, zu verprügeln, dann ist dass die Schuld der Abwehr. Geradezu lächerlich, wie der Schutz der Wolfsburger Verteidiger für ihren Torhüter aussieht – und das nicht nur in diesem Spiel. Spätestens, als auch noch Endras auf Vogl zustürmt, um den Wolfsburger Goalie endgültig aus der Fassung zu bringen, erwarte ich einfach, dass der Mannheimer Goalie sich von einem Wolfsburger Feldspieler ne stramme Gerade fängt! Schwach, meine Herren – äußerst schwach!
 
Sturm
Netter Beginn, alles funktionierte. Aubin wird per Foul aus dem Spiel genommen – wenige Minuten später läuft nichts, aber auch gar nichts mehr im Bereich Attacke.
Bestenfalls Fauser und Höhenleitner konnten ihre Intensität einigermaßen in die zweite Hälfte der Partie retten. Den Schlendrian des restlichen Teams konnten sie damit natürlich nicht auffangen. Aubins Energie und Euphorie fehlten dem Team zwar ab dem zweiten Drittel, als Ausrede für ein derart fahrlässiges Auftreten reicht das ebenfalls nicht. Ein Spiel zum Analysieren, wenn man in Zukunft auch gegen Spitzenteams Wert auf Augenhöhe legt... ansonsten ein glücklich gewonnener Punkt. mb