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EHC - Kölner Haie 1:2

Der lange Ritt durch die Wüste der Spielkultur

Die Grizzlys eröffnen das richtungsweisende Wochenende gegen die Tabellennachbarn aus Köln und Bremerhaven mit einer mehr als ernüchternden Vorstellung.
In einem wenig mitreißenden Spiel lassen es die Wolfsburger dabei vor allem an Tempo und sicherem Kombinationsspiel mangeln - Umstände, die am 20.Spieltag einem Offenbarungseid nahekommen. Selten war der Verlauf einer Partie so schnell und knapp erzählt, ebenso selten (in der Geschichte der Grizzlys) war die Anzahl der Baustellen in der Organisation so umfangreich.
Was als Angriff auf die Regionen jenseits des 10.Tabellenplatzes gedacht war, endete mit einer von vielen Akteuren eher blutleer geführten Begegnung.
Schon im Auftaktdrittel wurde schnell klar, dass der Gast aus Köln das Angriffsspiel ebenfalls nicht erfunden hat. Vor allem in Überzahl agierten die Haie fast schon grotesk harmlos, während Wolfsburg bei fünf gegen fünf stetig bemüht war, seine erschreckende Defizite im Spielaufbau schadlos zu überstehen. In der 13.Minute gelang den Gästen schließlich, wenig verwunderlich per Nachschuss, der durchaus verdiente Führungstreffer. Der insgesamt katastrophal agierende Jeff Likens stand dabei am Ende einer langen Fehlerkette: Sein gestörter Klärungsversuch per Rückhand landete auf dem Schläger des einschussbereiten Dumont.
Wäre da nicht Neuzugang Lessio gewesen, es wäre wohl ein komplett trostloser Abend für die Fans der Grizzlys geworden. Mit einem seiner genialen Antritte ließ der kanadische Ausnahmekönner gleich zwei Gegner stehen und zeigte zum wiederholten Male enormen Zug zum Tor (19.) - den Nachschuss verwertet Reihenkollege Johansson zum viel umjubelten Ausgleich.
Das Mitteldrittel bestand im Groben aus überflüssigen Strafen und erbärmlichen Powerplay-Versuchen auf beiden Seiten. Die mit Abstand besten Chancen verbuchten dabei zwei Grizzlys: Lessio traf aus Halbdistanz zunächst nur den Pfosten (23.), dann fehlte Toto Rech im Alleingang die nötige Genauigkeit (38.). Die Kampfbereitschaft konnte man vor allem im Mittelabschnitt beiden Teams nicht absprechen, aber die offensiven Aktionen beider Teams waren bestenfalls Zweitliga-Niveau.
Dass Wolfsburg für seine zahlreichen Abwehr- und Aufbaufehler nicht bestraft wurde, lag lediglich an der offensiven Unfähigkeit der Gäste. Ein trauriges Bild von einem Spiel.
Den Schlussabschnitt kann man wohl getrost als einzige Enttäuschung aus Sicht der Grizzlys beschreiben. Während Aubins Pfostenschuss (41.) und Matsumotos Lattenknaller (42.) zunächst Besserung in Sachen Torszenen versprachen, verlief sich das Spiel schnell in einer Aneinanderreihung von Unzulänglichkeiten. Am Ende einer solchen Fehlerkette, die beim Puckverlust von Nijenhuis in der neutralen Zone begonnen hatte, stand schließlich Pickards erster Fehler in dieser Begegnung - und das 1:2 durch Matsumoto (49.). Der Wolfsburger Goalie hatte neben seinem Kasten ein Abspiel nicht zum Mitspieler gebracht, was die Kölner Gäste mit einer schnellen Kombination zum Torerfolg nutzten.
Wer jetzt einen Wolfsburger Kraftakt zur Abwendung der drohenden Niederlage erwartete, wurde bitter enttäuscht. Wirkte der Auftritt der Grizzlys schon im ersten Drittel teils merkwürdig langsam und blutleer, so toppte man sich in dieser Schlussphase noch einmal in Sachen Lahmarschigkeit und Zweikampfschwäche.
Lediglich ein einziges Mal schien der Ausgleich doch noch einmal zum Greifen nah, als Lucas Lessio (Überraschung!) hinters Tor zog und zur Mitte vorlegen konnte. Sein halbhoher Pass fand in Furchner keinen begnadeten Baseball-Spieler, so dass auch diese Gelegenheit ungenutzt blieb.
Trotz sechstem Feldspieler blieb auch die Schlussoffensive der Grizzlys ohne größeren Aufreger.

Teamcheck

Trainer

Betrachtet man den bisherigen Verlauf der Spielzeit, so kann es eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung geben: Das von Pat Cortina präferierte Spielsystem trägt außerhalb der zweiten Liga nur mäßige Früchte und kann offenbar jedes noch so gut besetzte Team zum Aspiranten auf Platz 10 formen. Wenn man wie Schwenningen spielen möchte, hätte man auch einfach günstigere Spieler verpflichten können und den Rest für schlechte Zeiten (Auf- und Abstieg naht!) zurücklegen können. Ganz nebenbei spielt man mit diesem schrecklich anzusehenden Angsthasen-Hockey die Halle leer (Freikartenaktionen sind gut. Aber nur, wenn man was Attraktives zu bieten hat!).
Ich bin ganz ehrlich: Selbst, wenn dieses "System" irgendwann von allen verinnerlicht sein sollte - ich will das nicht sehen!
Hinzu kommt die alles andere als überzeugende Ausstrahlung und Körpersprache unseres Trainer-Dreigestirns hinter der Bande. Denkt man sich die davor sitzenden Eishockeyspieler weg, könnte es sich auch um einen ganz normalen Tag in einer x-beliebigen Amtsstube einer Stadtverwaltung handeln - allerdings ohne größeren Kundenverkehr. Das färbt ab, ob man will oder nicht. Ein Umstand, der mich schon während Cortinas Zeit als Nationaltrainer in den Wahnsinn getrieben hat.
Ich bin sicherlich kein Freund von voreiligen Trainerentlassungen, doch im Fall von Cortina war ich schon kein Freund der Einstellung des aktuellen Trainers, der keinerlei Erfolge oberhalb der Niederungen der DEL vorzuweisen hatte.
Pat Cortina ist sicherlich ein hervorragender Zweitliga-Trainer - und genau dort landen wir auch mit dem eingeschlagenen Weg. Meine Hoffnung, dass die (hervorragenden) Nachverpflichtungen Lessio und Pfohl etwas daran ändern können sind da sehr gering.
Wir brauchen aggressives, autoritär vorgetragenes mutiges Hockey, um unsere PS auf die Straße zu bringen. Alles Eigenschaften, die unser Trainerteam weder als Persönlichkeiten noch vom Spielsystem her versinnbildlichen können. Zeit zu handeln!

Tor
Chet Pickard mit einer absolut soliden Vorstellung und leider dem entscheidenden Fehler in einem schlechten Spiel. Bis auf sein missratenes Abspiel und das folgende etwas unkontrollierte Positionsspiel beim 1:2 ein sicherer Rückhalt für die oft schwimmenden Grizzlys.

Verteidigung
Wenn das Team im eigenen Drittel keinen guten Plan hat, kann kein Abwehrspieler wirklich gut aussehen. Trotzdem weiß Chris Casto immer mehr zu gefallen und scheint sich langsam an die größere Eisfläche und die Abläufe im Team gewöhnt zu haben - neben Bittner mein persönlicher Lichtblick im Bereich Abwehr.
Jeff Likens hingegen stellt mit seinen letzten Auftritten immer mehr seine DEL-Tauglichkeit in Frage. Völlig wirr und extrem langsam in seinen Entscheidungen mit dem Puck stellt der Routinier eine ständige Gefahr für das eigene Tor dar. Die schiere Anzahl an missratenen Kurzpässen im eigenen Drittel, teils vors eigene Tor, wäre in jeden anderen Team der DEL vermutlich die direkte Fahrkarte in Richtung Tribüne. Bei uns bekommt man das "A" (für Abenteuer) auf die Brust geheftet. Finde den Fehler.

Sturm
Die erste Reihe hat mal wieder Sendepause - wenn man Rech, Olimb und Aubin als erste Reihe betrachten möchte. An Schüssen mangelt es meist nicht, nur an klar herausgespielten Chancen. Aubin schon wieder weitestgehend unsichtbar.
Fauser weiterhin in wirklich starker Verfassung, spielt genau mit der Intensität und Geschwindigkeit, die ich zumindest im Ansatz von jedem einzelnen im Team erwarte.
Lucas Lessio ist so unfassbar besser als jeder andere im Team, dass es die höchste Priorität haben muss, die ideale Reihe um ihn herum zu bauen. Dies kann unseren Furchi nicht mit einschließen, der dem Raketenstart einfach nicht mehr folgen kann und neben Johansson und Lessio (trotz zuletzt aufsteigender Formkurve) viel zu deutlich abfällt. Bleibt zu hoffen, dass Cortinas Gruselsystem ihm nicht irgendwann die Spielfreude raubt! Ich sage so etwas eigentlich nie, aber: Defensive kann, muss Lessio aber nicht unbedingt bringen. Bei der Anzahl an Toren, die wir im Schnitt so produzieren, können wir jeden Treffer gebrauchen!
Kritik muss sich dieses Mal auch die vierte Reihe gefallen lassen, die nicht nur den entscheidenden Gegentreffer durch Nijenhuis Fehler einleitete, sondern insgesamt einfach viel zu brav und zu langsam auftrat. Höhenleitner läuft nach der Verletzung
seiner Form noch hinterher, während Möchel gegenüber Latta (Aggressivität!) eindeutig die falsche Wahl war und wohl ebenfalls noch etwas Zeit braucht.
Hier wird zur neuen Saison ein größerer, teils schmerzhafter Umbruch nötig sein, der mit Fabios Rückkehr schon einmal einen guten Auftakt gefunden hat.
Insgesamt sollte man sich überlegen, ob man auf den Ausländerstellen etwas mehr günstige Wundertüten verpflichtet (Scouting von Haskins und Charly war zuletzt allerdings eher dürftig) und dann mal so einen Kracher wie Lessio länger bindet. Dass ein Voakes oder Foucault andernorts weitgehend gesund und munter ihrem Beruf nachgehen, sollte ebenfalls zum Nachdenken anregen. mb